Bernar Venet: Mathematica

06. November – 31. Dezember 2015

Bernar Venet ist berühmt für seine zahlreichen Corten-Stahlskulpturen im öffentlichen Raum vieler Metropolen. Mit Längen bis zu 40 Metern bilden die riesigen vierkantigen Bögen einschneidende Male in der Kulturlandschaft. In Berlin ist sein Stahlbogen Arc 124,5° (1987, Corten-Stahl, geschweißt und schwarz lackiert, Spannweite 40 m, 12 m hoch, 15 t schwer, gehalten von einem in die Erde eingelassenen Betonblock von 100 t) „An der Urania“ nur schwer zu übersehen. Venets Werk ist jedoch vielschichtiger und reicht weiter zurück, als seine stählernen Markenzeichen es vermuten lassen.


Venets Werk nimmt seinen Anfang in 60iger Jahren, als er im Alter von 20 Jahren mit der symbolträchtigen Malerei seiner Jungendjahre radikal bricht und mit einer Reihe Teer-Bilder direkt in die radikalsten Bildfindungen dieser Zeit vorstößt. Neben den Bildern mit Teer und Industrielack auf Papier, Pappe und Leinwand, widmet sich Venet bald schwarzen Spiegeln, repräsentativen Außenlinien für Kunstwerke in der Zukunft, mathematischen Formeln auf Leinwand. Es folgen fotografische Vergrößerungen, Kunst-Bücher, geometrisch geschnittene Leinwände, welche bestimmte Winkel visualisieren, Reliefs in Holz und Stahl, die erwähnten Skulpturen aus Corten-Stahl im Innen- und Außenraum, MRT Bilder und dann nach 2001 eine umfangreiche Reihe von Leinwänden mit sich überblendenden Formeln und Texten, die den Hauptanteil dieser Ausstellung ausmacht.

Das gesamte Œvre zeichnet sich also durch den steten Wandel von konzeptuellen Werkreihen aus bzw. ist durch die parallele Arbeit an mehreren dieser Werkreihen über Dekaden hinweg geprägt. Diese Gruppen mögen sich zwar formal und inhaltlich stark unterscheiden, doch bauen sie geistig aufeinander auf, sie sind sprichwörtlich ineinander „verzahnt“. Sie funktionieren als gleichberechtigte Bereiche eines größeren „Systems“, welches die Sichtbarmachung und Materialisierung von Phänomenen der Logik und Ontologie im Bereich der Kunst vollzieht. 

Wie lässt sich hier der berühmte Rote Faden greifen, was hält das System im Innersten zusammen? Der Franzose Venet eröffnet dem Betrachter mit fünf Bedingungen seines Schaffens, praktisch seiner persönlichen künstlerischen „Funktion“, selbst den Zugang in die Zusammenhängen seiner Arbeit:



Non virtuel.
Sans illusion.
Sans apparence.
Ni métaphore.
Autoréférentiel.*                              

In Folge dieser Prämissen sind die Arbeiten von Venet bei allen Unterschieden, stets das was sie tatsächlich sind: Teer-getränkte Kartonagen, Mathematische Formeln, Winkel oder Bögen aus Stahl. Diese Arbeiten bilden nichts ab, sie deuten nicht auf Etwas außerhalb ihres Selbst hin, ihr Sein und ihre Aussage sind kongruent.

Die aktuelle Reihe Saturations, die bei Michael Fuchs gezeigt wird, verbindet monochrome Untergründe, außergewöhnliche Leinwandformen mit Texten und Formeln. Hier zeigt Venet das erste Mal durch Beschneidung, Fragmentierung und Überblendung von Informationen die Grenzen von Zeichen und Aussage auf. Während in älteren Arbeiten die Deckungsgleichheit von Form/Zeichen und Klarheit der Aussage stets gewährleistet ist und zu einem widerspruchsfreien Ganzen verschmilzt, halten diese Zahlen- und Buchstabenformationen durch die Freiheit ihrer Kompositionen einen letztendlich offenen Ausdruck fest.    

* Bernar Venet in “Póeme“ – Art conceptuel, une entologie (Paris;éditions mix, 2008), 370