Dear Darkness soll den Freuden und Versuchungen auf der Dunklen Seite des Lebens nachgehen und ihre Schönheit hervorkehren. Gleich der „Darkside of the moon“ befindet sich dieser Lebensbereich auf der Rückseite von Vernunft, Aufklärung und Helligkeit, durchdringt diese aber untrennbar. Sowohl inhaltlich als auch formal werden hier künstlerische Positionen zusammen gebracht, die sich der Dunkelheit, der Nacht, dem Schatten und den diversen Spielarten im Zwielicht und Verborgenen widmen. Dabei funktionieren die Arbeiten oft als ein Katalysator oder als eine subversive Reflexion, ja als ein Gegenentwurf zu der aufgeklärten, vollinformierten und funktionellen Lebensart unserer Tage.

Die inhaltlichen Schwerpunkte liegen auf den schillernden Facetten von Club-Kultur und Nachtleben. Im Zentrum dieser Bewegungen steht auch heute noch der Körper in seinem Treiben zwischen Lust, Schmerz und Gewalt, kurz: in der exzessiven Verschwendung von Lebenspotential.
Gruppendynamiken mit ihren eigenen Ritualen und Codes verstärken den Sog. Unter dem angloamerikanischen Begriff des „Dark Glam“, lassen sich vielleicht die bewusste, kollektive Ritualisierung und Stilisierung eines Außenseiterdaseins hin zu einer „abseitigen“ Schönheit am Besten bezeichnen. Verbunden sind diese Aspekte mit seelischen Schattenseiten wie einer grundsätzlichen Skepsis gegenüber der Welt, Orientierungslosigkeit, Melancholie und Sucht, aber auch und vor allen Dingen mit Freiheit, Befriedigung und Geborgenheit.

Musik bildet hierbei ein endloses, dunkel-schimmerndes Auffangbecken dieses „Getragenseins“ im Grenzbereich. Sie ist auch entscheidender Leitpfaden und Inspiration für diese Ausstellung. „Dear Darkness“ ist ein Song von PJ Harvey aus dem Jahre 2007. „Dear Darkness“ ist ein Titel der Trost verspricht. Indem die Auswahl der Werke auch partiell die Rolle des Lichts und seiner Gestalten berücksichtigt, welche die ambivalente Fragenstellung nach Orientierung oder Illusion in der Dunkelheit aufwerfen, ergänzt sie zudem die Natur der Dinge.

Formal betrachtet operieren die Künstler mit den materiellen und visuellen Spezifika der Schattenkultur. Seien es vertraute Oberflächen wie die Patina alter Bronze, Teer, Kohle, Lack oder Samt, Adaptionen typischer Gegenstände wie Neonleuchten, Spiegel, zerbrochenen Glasscheiben, Musiktapes oder visuelle Phänomene wie Blitzlicht, Reflexionen oder Risse, stets erweckt die ausgeprägte Sinnlichkeit bestimmte Erinnerungen im Betrachter. Durch diese favorisierte Ästhetik kreist die Ausstellung um ihr genuines Gravitationszentrum: dem rätselhaften Reiz rauschhafter Dekadenz. Wir alle kennen sie selber nur allzu gut: die oft beunruhigende und gleichsam anziehende Schönheit der Erscheinungen aus dem Reich der Dunkelheit.