YVES LALOY (1920-1999)

27. Februar – 25. April 2020

Auszug aus LALOY André Breton 1972

Gerade durch den „Regenbogen mit Menschenkopf“, der auf die berühmten Sandbilder der Navajo-Indianer aus Arizona verweist, scheint die Ausarbeitung des künstlerischen Werkes von YVES LALOY maßgeblich bestimmt. Während jene Bilder jedoch, an einem Tage vollendet, vor Sonnenuntergang wieder verwehrt sein müssen, mutet es gleichsam wie ein Wunder an seine Gemälde, vor Ihrem unabwendbaren und raschen Zerfall heute zusammengetragen zu sehen.

Vor allem, weil niemand besser als unser Auge in eine Ekstase des Glücks mitreißt uns uns an der Ambiguität seiner Begeisterung teilnehmen lässt. Jahrhundertelang vertrat man die Auffassung, dieses Auge das höchste Organ der Erkenntnis, sei vorzüglich geeignet, die Außenwelt immer und überallabzubilden, wenigstens sollte es zur Orientierung in ihr dienen. (Das alte Gallien, insbesondere der Westen und der Norden, bilden da eine Ausnahme.) Als man doch in jüngerer Vergangenheit daranging dieses Abhängigkeitsverhältnis aufzukündigen, um die zerebralen Vorgänge über die physiologische Wahrnehmungsfunktion hinaus in andere Richtungen zu lenken, stellten sich , wenigstens im engsten Bereich der abstrakten Kunst, neue Frustrationsgefahren ein. Die Suche nach dem Paradies verlangt dem Künstler Tag für Tag, unter Einsatz aller seinem Auge zur Verfügung stehenden Kräften, Visionen ab, die den phantastischen und zugleich sinnlichen Geschichten einer Theresa von Avila entsprechen, von der YVES LALOY schwärmt.

Während ein Bild von Kandinsky den Anforderungen einer symphonischen Gliederung gerecht wird, bezeugt ein Navajo-Bild aus Sand vor allem Furcht von Kosmos. Es stellt einen Versuch dar, mittels einer Geste der Sühne, auf die Bewegung des Universums einzuwirken. In der Beschränkung auf einen dieser beiden voneinander abweichenden Ansätze liegt das Charakteristische an YVES LALOY Werk. Er berichtet von einem Abenteuer, dessen Geheimnis er hütet. Aber es fällt uns nicht schwer zu erkennen, dass er die Sphären herkömmlicher Erfahrungen hinter sich zurücklässt. Ein sprühendes Magnetfeuer besorgt ununterbrochen die Verbindung zwischen der menschlichen Seele und dem Kosmos. Überdies reicht der alles überwältigende Rhythmus seiner Potenz, der ihn in die Schwingung versetzt und unweigerlich die Oberhand gewinnt, aus, seine Bedeutung zu manifestieren.

Die Behauptung, „der dreidimensionale Raum hört nicht auf, sowohl die Spiegelung unserer mathematischen Begriffe der für die Materie geltenden Gesetze der Physik als auch der emotionalen Weltordnung zu sein, von der wir hoffen, dass sie sich als überlegen erweisen wird,“ (1) hat sich noch nie so eindeutig bewahrheitet . YVES LALOY stammt aus einer Architektenfamilie. Darum musste sich gerade an der Architektur, der er sich zuwenden wollte, sein Konflikt entzünden. Im Grunde zeichnet sich auf jedem seiner Bilder hinter dem astralen Flimmern, ein Entwurf ab, der einem geplanten Bauwerk seine spezifischen Dimensionen zuschreibt, mit dem einzigen – dafür entscheidenden Unterschied, dass die Ausführung nicht in die Aussenwelt einmündet sondern nach innen zielt. Führte einer von uns diese Überlegenheit zu Ende, er käme bald zu dem Schluss, dass ein derartiges Unternehmen, zu einem Zeitpunkt, da für uns alle die innere Stadt, bis in die Grundfesten bereits erschüttert, täglich neuen Angriffen ausgesetzt ist, würde es auch eine Intelligenz ohne gleichen voraussetzten, an Wirksamkeit allen anderen überlegen sei.

(1)     Pierre Francastel: Peinture et Societe, Audin ed., 1951 

YVES LALOY ist Architekt von Beruf , Maler aus Schicksal und Seemann im Herzen. Konstruktion und das Meer sind seine zwei Elemente. Meer, Wasser, Fische, Sonne und Mond, Schiffe und imaginäre Gestalten (oft wie Meeres-Ungeheuer) einerseits, strenge geometrische Konstruktionen anderseits bilden den größten Teil seiner Malerei. LALOY ist vielleicht der einzige geometrische Surrealist, so wie sich Herbin gegen sein Lebensende immer mehr in Richtung eines surrealistischen Konstruktivismus entwickelte. Mit der sprichwörtlichen Starrköpfigkeit der Bretonen ist LALOY – wie die zwei anderen großen bretonischen Surrealisten: Tanguy und Pierre Roy  - stets seinem eigenen Surrealismus treu geblieben und zerschneidet lieber selbst seine Bilder in kleine Stücke, als irgendwelche Kompromisse zu machen. Die Starrköpfigkeit und die Charakter-Größe bewahrte LALOY vor allen surrealistischen Konspirationen, und die Größe André Bretons´s sicherte ihn stets einen der wichtigsten Plätze der Gemäldegalerie der surrealistischen Bewegung.

Carl Laszlo 1968